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Wenn Muttersein sich anfühlt wie ein Raum ohne Türen

  • Autorenbild: Ulli G.
    Ulli G.
  • 16. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Drei Kinder. Ein Körper. Kein Dorf – Warum wir ein neues Dorf brauchen.


Es gibt Tage – ganze Serien von Tagen –, an denen sich Muttersein anfühlt wie ein Raum ohne Türen. Ich wache auf in einem Körper, der schon müde ist, bevor der erste Fuß den Boden berührt.

Ich bewege mich durch den Morgen, den Mittag, den Abend wie jemand, der gleichzeitig fühlen und funktionieren soll – und an beidem scheitert. Dieses Allein-Verantwortlich-Sein frisst sich in die Knochen.

Ein Kind schreit, eines ist krank, ein anderes braucht Hilfe. Das Telefon läutet, die Waschmaschine wartet, das Abendessen ebenso. Irgendwo fällt etwas um, dann streiten zwei Kinder – und dazwischen all die kleinen, unsichtbaren Dinge, die sich summieren und meinen Verstand beben lassen.

Es sind nicht einzelne Momente, sondern Phasen. Wochen. Eine Müdigkeit, die sich zieht und so lähmt, dass ich irgendwann nur noch durchsichtig werde. 
Alleinstehende Frau in einem leeren Raum am Fenster – Symbol für Erschöpfung im Muttersein.

Ein Körper, der tut, der trägt, der begleitet – obwohl er längst leer ist. Ich registriere die Überforderung: 

„Ja, es ist viel.“ „Ich kann nicht mehr.“ „Du brauchst Schlaf.“ Ich spüre es, atme aus – und mache weiter. 

Weil ich muss.


Mein Raum hat keine Türen. 

Ich kann nicht schnell vier Stunden schlafen, nicht einfach spazieren gehen, nicht in Ruhe essen. Selbst aufs WC gehen ist ein Balanceakt zwischen Hoffnung und Realität.

„Selbstfürsorge ist wichtig“, sagen sie. 

„Genieß doch einen Kaffee, wenn die Kleine schläft.“ 

Es klingt wie Hohn. 

Halt bitte deinen Mund – und hilf.


Das unsichtbare System hinter der Erschöpfung

Dieses „Zuständig-Sein“ ist kein persönliches Versagen. Es ist ein gesellschaftlich hergestellter Zustand.

Unsere Strukturen belohnen Erwerbsarbeit – nicht Care-Arbeit. 

Sie gehen davon aus, dass jemand im Hintergrund „einfach alles mitmacht“. 

Historisch: die Frau. 

Heute: immer noch die Frau.

Der Gender Pay Gap sorgt dafür, dass in heterosexuellen Beziehungen fast automatisch der schlechter verdienende Elternteil – meist die Mutter – zu Hause bleibt oder reduziert. Kinderbetreuung ist vielerorts knapp, teuer oder nicht mit Arbeitszeiten vereinbar. Großeltern arbeiten länger, wohnen weiter weg oder sind selbst überlastet. Nachbarschaften existieren, aber nicht als tragendes Netz.

So entsteht eine Realität, die niemand bewusst gewählt hat: 


Eine Person trägt den mentalen, emotionalen und organisatorischen Kern der Familie – allein. (Fast) immer.


Das ist kein individuelles, sondern ein strukturelles Problem.

Es sind meine Kinder, sagen sie. Warum hängen dann Pensionen, Wirtschaft und die Zukunft dieses Landes von ihnen ab?

Wenn Kinder als Privatsache gelten, warum wird ihr Nutzen dann gesellschaftlich eingefordert?

Warum erwarten wir Stabilität, Versorgung und Zukunftssicherung – während Verantwortung gleichzeitig individualisiert wird?


Wo ist dieses Dorf geblieben?

Wenn ich mich frage, wo dieses Dorf geblieben ist, dann meine ich kein romantisiertes Früher. Ich meine eine Form von geteiltem Alltag, die heute schlicht fehlt.

Früher lebten Generationen näher beieinander, geografisch und emotional. Heute leben wir mobil, verstreut, in Arbeitsmodellen, die kaum kompatibel sind mit der Betreuung kleiner Kinder.

Großeltern sind nicht „schuld“, wenn sie nicht verfügbar sind – sie sind Teil desselben Systems: längere Lebensarbeitszeiten, eigene Belastungen, ein völlig veränderter Lebensrhythmus.

Das Ergebnis ist kein böser Wille – es ist ein strukturelles Vakuum. Ein Leben ohne gemeinsames Netz. Ein Alltag, der bricht, sobald eine Person ausfällt.


Erschöpfung im Muttersein: Wenn Erschöpfung groteske Formen annimmt

Während ich diese Zeilen schreibe, brüllt meine fast Dreijährige gefühlt den halben Tag. Sie steckt seit vielen Monaten in der Autonomiephase – ein Prozess, der uns Tag und Nacht fordert. Zwei Geschwister daneben, die ebenfalls Bedürfnisse haben.

Und meine Dreijährige ist dabei nicht schwierig. Sie befindet sich in einer völlig natürlichen Entwicklungsphase, in der sie ihre Gefühle noch nicht selbst regulieren kann und eine sichere Bezugsperson braucht, die sie dabei begleitet und beim Regulieren unterstützt.

Dieser sichere Hafen bin ich.

Wenn ich einen Termin habe, arbeiten möchte oder etwas erledigen muss, beginnt vorher das Organisieren: Wer übernimmt? Wer kann früher gehen? Wen kann ich bitten, damit es überhaupt möglich wird?

Denn während ich außer Haus bin, wird nichts weniger. Der Alltag läuft weiter, die Bedürfnisse der Kinder bleiben, und zusätzlich braucht es Vorbereitung: Mahlzeiten müssen vorgekocht, Kleidung geplant, Übergaben erklärt werden. Alles, was sonst nebenbei geschieht, muss im Voraus mitgedacht und abgesichert werden.

Meine Abwesenheit schafft keine Pause im System.

Sie bedeutet vor allem mehr Arbeit für mich – vorab, im Hintergrund, unsichtbar.


Gleichzeitig weiß ich aus der Arbeit mit Nervensystemen, wie sehr dauernder Lärm, zu wenig Schlaf und anhaltende Anspannung ein erwachsenes System belasten. Irgendwann ist das Fenster, in dem wir ruhig, klar und regulierend reagieren können, erschöpft – und der Körper schaltet in einen anderen Modus.

Und genau deshalb kann ich diese Erschöpfung verstehen.

Ich verstehe Mütter, die laut werden.

Ich verstehe Mütter, die sagen: „Ich kann nicht mehr.“

Nicht, weil sie ihre Kinder nicht lieben, sondern weil sie sich über lange Zeit selbst regulieren müssen, um ihre Kinder zu begleiten – oft allein, oft ohne echte Entlastung, oft mit dem Gefühl, ständig zuständig zu sein.

Diese Form von Überforderung bringt Scham mit sich, den Wunsch, es besser zu machen, und die Angst zu versagen – gerade dort, wo man am meisten liebt.

Ein Nervensystem, das zu lange allein trägt, schützt sich.

Das nennen wir Überlebensmodus.

Und genau hier sollten wir aufhören, einzelne Eltern zu bewerten – und beginnen, die Strukturen zu hinterfragen, die diese Dauerüberlastung überhaupt erst entstehen lassen.


Ein blinder Fleck – und was sich ändern müsste

Dieses Allein - Mama - sein ist kein persönliches Scheitern. Es ist kein Organisationsproblem.

Es ist ein politisches Thema.

Damit sich wirklich etwas verändert, braucht es mehr als gute Ratschläge an einzelne Mütter.

Es braucht Strukturen, die tragen.


Anerkennung von Care-Arbeit als Arbeit. Nicht nur sprachlich, sondern real: gesellschaftlich, finanziell, sozial abgesichert. Wer Kinder begleitet, hält Leben am Laufen – und das muss sichtbar und wertgeschätzt sein.


Faire Bezahlung von Frauen und Männern. Solange Frauen im Schnitt weniger verdienen, ist die Entscheidung, wer reduziert, keine freie. Sie ist ökonomisch erzwungen – und zementiert die Überlastung eines Elternteils.


Ein modernes Dorf. Nicht romantisch verklärt, sondern zeitgemäß gedacht: Leih-Omas und -Opas. Generationenübergreifende Wohn- und Lebensräume. Altenheime neben Kindergärten. Orte, an denen Fürsorge geteilt wird – ganz selbstverständlich.


Familienzentren und Nachbarschaftsnetzwerke, die funktionieren. Nicht nur Angebote auf Papier, sondern echte Anlaufstellen: niedrigschwellig, erreichbar, verbindlich. Räume, in denen Eltern sich kennen, sich unterstützen, sich ablösen können.


Arbeitszeitmodelle, die mit Kindern kompatibel sind. Flexible Zeiten, echte Teilzeitoptionen, Homeoffice dort, wo es möglich ist – ohne Karriereknick und Rechtfertigungsdruck. Elternsein darf kein berufliches Risiko sein.


Es geht nicht um Perfektion. Es geht um das Mindeste: Dass nicht eine Person einen 24-Stunden-Betrieb allein stemmen muss – über Jahre.


Und trotzdem geht es hier nicht um fehlende Liebe.

Ich trage Verantwortung. Für meine Kinder. Für mich.

Für das System, in dem sie aufwachsen.

Niemand profitiert von chronischer Erschöpfung.

Nicht Kinder. Nicht Eltern. Nicht Beziehungen.

Was es braucht, ist kein Mehr an Aufopferung, sondern geteilte Verantwortung.

Ein tragendes Umfeld.


Das Dorf, von dem alle sprechen.

Das Dorf, das früher selbstverständlich war –

und heute nur noch als Idee existiert.

 
 
 

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