Warum wir ein Gegenüber brauchen
- Ulli G.
- 15. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 17. Jan.
Warum Entwicklung mehr braucht als Nachdenken und Selbstreflexion
Es gibt Phasen im Leben, in denen vieles funktioniert.
Wir kommen durch den Alltag, übernehmen Verantwortung, treffen Entscheidungen, regeln, was zu regeln ist. Wir sind erwachsen, selbstständig und gewohnt, Dinge mit uns selbst auszumachen.
Vieles lässt sich auf diese Weise ordnen und tragen.
Und doch zeigt sich manchmal:
Manche Themen kommen innerlich nicht weiter.
Sie drehen sich im Kreis, obwohl wir nachdenken, reflektieren und versuchen, sie zu klären.
Daraus ergibt sich für mich eine Frage:
Warum ein Gegenüber so oft den entscheidenden Unterschied macht.
Unser Gefühl für uns selbst entsteht nicht nur in uns, sondern im Austausch mit anderen.
Wie unser Selbstgefühl in Beziehung entsteht
Der Philosoph Martin Buber hat das sehr klar formuliert:
„Der Mensch wird am Du zum Ich.“
Was er damit meint, lässt sich besonders gut am Anfang des Lebens verstehen. Ein Baby kommt nicht mit einem fertigen Gefühl für sich selbst auf die Welt. Es erlebt Zustände – Hunger, Spannung, Unruhe, Entspannung – ohne sie einordnen zu können.

Erst durch das Gegenüber entsteht Bedeutung.
Jemand reagiert, beruhigt, spricht, hält, schaut.
Und genau durch diese Reaktionen entwickelt sich nach und nach ein inneres Erleben von Sicherheit und ein erstes Gefühl von sich selbst.
Das Baby erkennt sich nicht isoliert, sondern über Beziehung. Über das, was im Dazwischen passiert.
Dieses Prinzip endet nicht mit der Kindheit.
Warum wir auch als Erwachsene ein Gegenüber brauchen
Auch als Erwachsene tragen wir vieles in uns. Wir können reflektieren, einordnen, verstehen. Und trotzdem klären sich manche Dinge erst im Austausch. Gedanken werden präziser, wenn sie ausgesprochen werden. Gefühle bekommen Kontur, wenn jemand zuhört und zurückmeldet, was er wahrnimmt.
Ein einfaches Beispiel:
Wir können uns selbst auf die Schulter klopfen und uns sagen, dass wir etwas gut gemacht haben. Und das ist wichtig. Trotzdem fühlt es sich anders an, wenn jemand von außen sagt: Das war wirklich gut. Nicht, weil wir es selbst nicht einschätzen könnten, sondern weil Anerkennung im Gegenüber eine andere Qualität hat. Sie landet an einer anderen Stelle.
Oder Entscheidungen.
Oft haben wir innerlich längst ein Gefühl dafür, was stimmig ist. Wir wissen eigentlich, wohin es gehen soll. Und trotzdem klärt sich etwas erst, wenn wir es aussprechen und jemand zuhört. Wenn jemand zurückmeldet:
Ja, so wie du das beschreibst, klingt das schlüssig.
Oder einfach: Ich höre, dass du da klar bist.
Das Gegenüber wird dabei nicht zur Entscheidungsinstanz. Es übernimmt nichts für uns.
Es wirkt eher wie ein Resonanzraum. Etwas, das innerlich schon da ist, bekommt im Außen Sprache und dadurch Festigkeit.
Eine meiner Mentorinnen hat in meiner Ausbildungszeit immer wieder ein afrikanisches Sprichwort zitiert, das mir geblieben ist:
„Das Wort, das dir hilft, kannst du dir selbst nicht sagen.“
Heute verstehe ich diesen Satz sehr konkret. Er zeigt sich für mich immer wieder im Alltag.
Manche Dinge kommen erst richtig in uns an, wenn jemand anderes sie für uns ausspricht.
Wozu ein Gegenüber in Begleitung beitragen kann
Genauso erlebe ich es in Begleitungen.
Menschen kommen nicht, weil sie ihr Leben nicht bewältigen.
Sie kommen, weil sie merken, dass bestimmte Themen sich im Alleingang nicht weiter sortieren.
Weil sie sich selbst hören wollen, während jemand anderes zuhört.
Weil sie Klarheit suchen, nicht Anleitung.
Aus dieser Perspektive sind Beratung, Begleitung oder Coaching nichts Ungewöhnliches.
Es sind Räume, in denen dieses Dazwischen bewusst entstehen darf.
Wo jemand hinschaut, hinhört und Worte findet für das, was allein oft vage bleibt oder keinen Ausdruck bekommt.
Wir müssen nicht alles alleine halten.
Wir dürfen uns spiegeln lassen.
Und manchmal ist genau das der Moment, in dem wir wieder klarer bei uns selbst ankommen.
Manche Prozesse brauchen ein Gegenüber.




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