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Wenn Harmonie wichtiger wird als Wahrheit – Differenzierung in Beziehungen

  • Autorenbild: Ulli G.
    Ulli G.
  • 24. Dez. 2025
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 27. Dez. 2025

Warum wir uns anpassen, statt bei uns zu bleiben – und was Differenzierung verändert


In vielen Beziehungen entsteht mit der Zeit ein stilles Einverständnis.

Man weiß, wie man miteinander umgeht, was Platz hat und was besser nicht thematisiert wird.

Gefühle sind da, Verletzungen auch, Unzufriedenheit ebenso – sie werden wahrgenommen, aber nicht ausgesprochen.

Es wird geschwiegen, um keine Unruhe auszulösen.

Es wird geschluckt, relativiert, wegerklärt, weil das einfacher erscheint, als sich wirklich zu zeigen.

Jede und jeder kennt seine Rolle, weiß, was erwartet wird, und hält sich daran – oft über Jahre.

Mit der Zeit wird man leiser. Vorsichtiger und auch anspruchsloser.

Was nach außen Anpassung ist, ist nach innen gleichzeitig ein Rückzug. Vom Anderen, aber auch schrittweise von sich selbst.

Ein langsames Abschneiden von dem, was man fühlt, hofft, ersehnt.


„Unscharfe Schwarzweißaufnahme einer Frau mit Doppelkontur – Symbol für innere Anpassung und Verlust der Selbstverbindung in Beziehungen

Man hört auf, etwas zu erwarten – und verliert dabei langsam den Kontakt zu dem, was einmal lebendig war:

zu den eigenen Träumen, zur inneren Begeisterung und zu dem Gefühl von:

Das bin ich. So möchte ich leben.

Nach außen wirkt dieses Miteinander oft stabil und vertraut. Innerlich jedoch bleibt etwas zurück – ein leiser Frust, manchmal ein feiner Anflug von Verbitterung.

Er taucht auf, wird bemerkt und dann schnell erklärt, relativiert oder wieder zur Seite geschoben.

Das ist kein persönliches Scheitern und keine Schwäche.

Es ist tatsächlich ein sehr weit verbreitetes Beziehungsmuster.

In der Psychologie spricht man von emotionaler Verschmelzung.


Warum wir emotional verschmelzen

Emotionale Verschmelzung entsteht nicht zufällig und auch nicht erst im Erwachsenenleben.

Sie beginnt meist sehr früh – in einer Zeit, in der Kinder vollständig auf ihre Bezugspersonen angewiesen sind. Nähe, Zugehörigkeit und Beziehung sind in dieser Phase existenziell.

Ein Kind lernt sehr genau, was in seinem Umfeld akzeptiert ist.

Wenn es wütend ist und dafür ausgeschimpft oder weggeschickt wird.

Wenn es traurig ist und hört, es soll sich nicht so anstellen.

Wenn es Bedürfnisse äußert und erlebt, dass diese zu viel sind oder ignoriert werden.

Dann beginnt es, Gefühle zurückzuhalten und sich anzupassen.

Anpassung wird so zu einer unbewussten Strategie, um Beziehung und damit Sicherheit zu erhalten.


Der Arzt und Traumaforscher Gabor Maté beschreibt diesen inneren Konflikt als den Konflikt zwischen Bindung und Authentizität. Kann ein Kind nicht beides gleichzeitig leben, entscheidet es sich immer für die Bindung. Eigene Gefühle, Bedürfnisse und Impulse werden dabei Schritt für Schritt weggeschoben – nicht, weil das Kind keine hätte, sondern weil Verbundenheit über allem steht.

Dieses frühe Muster wirkt oft bis ins Erwachsenenleben weiter.

Viele Menschen spüren deshalb sehr fein, was andere brauchen und was Beziehung stabil hält – und verlieren dabei leise den Kontakt zu sich selbst.

Wer bin ich? Was will ich? Warum ist das hier so unangenehm? Warum verhalte ich mich so?


Differenzierung – Erwachsenwerden in Beziehung

Wie wir uns aus dieser Tendenz zur Verschmelzung schrittweise wieder herausführen könne, beschreibt der amerikanische Paar- und Sexualtherapeut David Schnarch mit einem Begriff, der für mich viel erklärt:

Differenzierung.

Schnarch beschreibt damit die Fähigkeit, in Beziehung bei sich zu bleiben, ohne die Verbindung zum Anderen zu verlieren.

Nicht durch Rückzug oder Abgrenzung, sondern durch innere Stabilität.

„Dunkles Schwarzweißporträt einer Frau mit Doppelbelichtung – Sinnbild für innere Klarheit und bei sich bleiben in Beziehung“

Für mich bedeutet Differenzierung vor allem eines:

Ich kann ich sein – auch in Situationen, in denen ich nicht positiv gespiegelt werde.

Ich kann sagen, was ich denke.

Ich kann Nein sagen, wenn ich etwas nicht will.

Und ich kann aushalten, dass mein Gegenüber darauf anders reagiert, als ich es mir wünschen würde. Seine Gefühle und Reaktionen darf ich anerkennen und bei ihm lassen – und gleichzeitig bei meiner Entscheidung bleiben, ohne mich zu rechtfertigen.

Und das alles nicht, weil mir die Beziehung egal ist, sondern weil ich mich selbst nicht mehr verlasse, um sie zu sichern.


Differenziert zu sein bedeutet nicht, kühler oder unabhängiger zu werden. Es bedeutet, ein stabiles inneres Selbst zu entwickeln.

Zu wissen, wer man ist, was einem wichtig ist und wofür man steht – und diese innere Ausrichtung auch dann halten zu können, wenn Nähe Spannung erzeugt oder Harmonie kurz verloren geht.


Ein zentraler Teil davon ist Selbstregulation.

Reife beginnt dort, wo Menschen aufhören, ihr inneres Gleichgewicht vom Verhalten anderer abhängig zu machen. Gefühle werden wahrgenommen, ausgehalten und selbst gehalten, statt sie durch Anpassung zu vermeiden oder an den anderen abzugeben.

Differenzierung ermöglicht Nähe ohne Selbstverlust. Unterschiedlichkeit darf bleiben und somit wird Beziehung nicht über Harmonie gesichert, sondern über innere Klarheit.


Die vier Aspekte von Differenzierung

Differenzierung zeigt sich nicht in großen Worten, sondern im Alltag – in kleinen Momenten, in inneren Entscheidungen, die niemand sieht.

David Schnarch spricht hier von vier Aspekten der inneren Balance.


  1. Ein stabiles und zugleich bewegliches Selbst.

Ich beginne, mich weniger über Zustimmung von außen zu definieren und mehr über das, was mir innerlich wichtig ist. Mein Handeln entsteht nicht mehr aus der Angst, jemanden zu verlieren, sondern aus meinen eigenen Werten. Ich kann zu mir stehen und gleichzeitig in Beziehung bleiben – auch dann, wenn mein Gegenüber damit nicht einverstanden ist.


  1. Ein ruhigerer innerer Raum

Gefühle wie Unsicherheit, Angst oder innere Spannung dürfen da sein, ohne dass ich sie sofort loswerden muss. Ich lerne, mein inneres Erleben selbst zu halten, statt es durch Anpassung zu vermeiden oder an andere abzugeben. Das macht mich emotional unabhängiger – und Beziehungen freier.


  1. Angemessenes Reagieren statt Rückzug oder Anpassung.

Ich spreche an, was da ist, auch wenn es unangenehm ist. Nicht impulsiv, nicht verletzend, aber ehrlich. Ich muss die Reaktionen meines Gegenübers nicht kontrollieren oder abfedern, um bei mir bleiben zu können.


  1. Sinnvolle Beharrlichkeit.

Ich bleibe dran – auch dann, wenn es innerlich unbequem wird. Und das wird es gelegentlich. Nicht, weil ich stur bin, sondern aus Verbundenheit mit mir selbst. Das ist nicht immer leicht.

Denn nur dort, wo ich mich wirklich zeige – wo ich ausspreche, was ich fühle, meine und wahrnehme, wo ich mich öffne und so den Raum für Tiefe bereite –, kann eine authentische, echte Beziehung überhaupt entstehen.

Was mein Gegenüber dann damit macht, liegt nicht mehr in meiner Hand.

Manchmal reagiert er mit Rückzug, Abwehr oder Angriff. All das macht sichtbar, ob und wie Beziehung hier möglich ist.

Wachstum bedeutet in diesen Momenten, Spannung auszuhalten und mich nicht kleiner zu machen, nur damit es sich kurz leichter anfühlt. So kristallisiert sich heraus, wo ich hingehöre – und wo nicht.

Und auch für mein Gegenüber wird klar, was hier möglich ist und was nicht.

Das ist radikale Selbstverantwortung.


Der Kern von ichzumir.

Und genau hier liegt der Kern meiner Arbeit bei ichzumir:

Menschen dabei zu begleiten, wieder in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Sich zu spüren. Sich selbst ernst zu nehmen. Und zu lernen, sich innerlich zu halten – statt sich in Beziehung zu verlieren.

Differenzierung ist kein Konzept, das man perfekt umsetzt. Sie ist eine Haltung. Eine Entscheidung, sich selbst nicht mehr zu verlassen – und von dort aus Beziehung neu zu gestalten.


Zum Schluss

Differenzierung ist kein harter Weg.

Sie ist ein befreiender – weil sie dir die wahre Macht über dich und dein Leben zurückgibt.

Sie bedeutet nicht, weniger verbunden zu sein, sondern echter.

Es geht nicht darum, unabhängiger zu werden, sondern innerlich stabiler.

Bei dir zu sein heißt, dich nicht mehr zu verlieren.

Nicht aus Angst, dass jemand gehen könnte.

Nicht aus dem Bedürfnis, dass Harmonie um jeden Preis bestehen bleibt.

Konflikte verlieren so ihren Schrecken, weil du dich selbst halten kannst - weil du dein eigener innerer Anker wirst.

Und weil es nicht mehr darum geht, etwas zu tun, was dir eigentlich nicht entspricht – nur um die Beziehung zu sichern.


Daraus entsteht mit der Zeit ein anderes Leben.

Ein Leben, das sich leichter anfühlt, freier und stimmiger – weil du weißt, dass du dir selbst treu sein kannst, egal wie andere reagieren.

Und weil du weißt, dass du deine Entscheidungen selbst triffst.

Wenn du dich zeigst, ziehst du jene Menschen in dein Leben, die dich wirklich sehen und kennen wollen.

So kann eine erfüllende, stabile und glückliche Verbindung entstehen – eine, die wir uns wohl alle wünschen.


Denn Echtheit ist kein Hindernis für erfüllende Beziehung.

Sie ist ihre Grundlage.

 
 
 

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