Über unser inneres Kind
- Ulli G.
- 31. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Wie alte Anteile heute noch wirken
Manchmal passiert etwas ganz Alltägliches, und trotzdem reagiert etwas in uns viel stärker, als wir es erwarten würden.
Ein Satz trifft uns zu tief. Eine Situation fühlt sich plötzlich bedrohlich an.
Der Körper spannt sich an. Wir bekommen das Gefühl, am liebsten losweinen oder weglaufen zu wollen. In solchen Momenten reagiert oft mehr als nur das heutige Ich.
Wir alle tragen verschiedene Anteile in uns. Teile, die erwachsen sind, klar denken können, Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen.
Und andere Teile, die sehr viel früher entstanden sind.
Man kann sie sich wie Kinderversionen von uns vorstellen. Sie stammen aus einer Zeit, in der wir noch klein waren.
Damals war diese Reaktion Schutz. Heute wird sie manchmal zu viel.

Diese alten Anteile folgen keiner Logik. Sie erklären sich nicht über Worte. Sie melden sich über Gefühle, über den Körper, über innere Bilder. Und sie reagieren schnell. Oft schneller, als unser Denken nachkommt.
Genau deshalb wirken manche Reaktionen im Heute so überwältigend.
Das innere Kind
Diesen alten Anteil nennen wir häufig das innere Kind.
Dabei geht es nicht um ein tatsächliches Kind. Gemeint ist Erfahrung. Prägung. Ein Teil in uns, der zu einer Zeit entstanden ist, in der wir noch wenig Wahl hatten und viel Anpassung gebraucht haben. Dieser Teil hat einmal geholfen. Er hat Strategien entwickelt, um zurechtzukommen. Und er meldet sich heute noch, wenn ähnliche Situationen auftauchen.
Unser Inneres hat dabei eine gute Absicht: Es will schützen. Jüngere Anteile reagieren schnell, weil sie damals schnell reagieren mussten.
Sie hatten oft wenig Einfluss. Sie konnten nicht wählen. Sie haben Strategien entwickelt – anpassen, leisten, kontrollieren, sich zurückziehen, stark sein, brav sein.
Das hat geholfen.
Wie sich das im Alltag zeigt
Manchmal zeigt sich das ganz unspektakulär und gerade deshalb verwirrend:
Jemand sagt etwas, das sachlich gemeint war – und in uns macht etwas sofort zu. Plötzlich wird man stumm. Angespannt. Oder man lächelt drüber, obwohl es innen zuzieht.
Und später bleibt diese Frage: Warum hat mich das so getroffen?
Woran man es im Alltag oft erkennt, sind solche Situationen:
Jemand gibt Feedback – und in uns wird es sofort kleiner und unsicher.
Ein Mensch reagiert kühl oder knapp – und plötzlich ist da ein altes Gefühl von „ich bin allein“.
In einer Gruppe sagt jemand etwas Spöttisches – und Scham sitzt wie ein Stich.
Man nimmt sich etwas vor, etwas Sichtbares, etwas Eigenes – und auf einmal kommt Blockade oder Rückzug.
Wenn wir uns plötzlich klein fühlen. Wenn Wut hochschießt. Wenn wir nur noch weg wollen oder der Körper erstarrt, ist oft genau so ein alter Teil aktiv.
Etwas Vertrautes wird berührt.
Nicht nur ein inneres Kind
Viele erleben nicht „ein“ inneres Kind, sondern mehrere jüngere Anteile. Fast wie ein kleiner innerer Kindergarten: unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Schutzstrategien. Manchmal ist da der Anteil, der sofort erschrickt. Manchmal der, der brav wird. Manchmal der, der wütend wird. Oder der, der zumacht und innerlich weg geht.
Und genau deshalb hilft oft weniger Analyse, mehr Präsenz. Weil es im ersten Moment nicht um Verstehen geht, sondern um Halt.
Was in solchen Momenten hilft
Was unterstützt, ist innere Präsenz. Innerlich stehen zu bleiben und als Erwachsene dazuzukommen. Wahrzunehmen, was gerade geschieht.
Den Körper spüren. Den Atem bemerken. Kontakt herstellen.
Dafür braucht es nichts Großes. Oft reicht ein kurzer Schritt zurück zu sich:
1) "Stopp. Ich bin hier." - Ein Satz, der den Automatismus unterbricht.
2) Körperkontakt und Druck. - Füße in den Boden drücken. Eine Hand auf Brust oder Bauch. Ein langes ausatmen.
3) Benennen bringt Ordnung ins Erleben „Da ist Scham.“ „Da ist Angst.“ „Da ist Druck.“
4) Einen Satz von unserem inneren Erwachsenen an unser inneres Kind „Ich bin da.“„Du musst das nicht allein tragen.“ „Ich kümmere mich.“ „Wir gehen langsam.“
5) Orientierung im Raum finden Drei Dinge anschauen und innerlich benennen: „Fenster. Tisch. Tür.“
Das holt uns zurück ins Jetzt.
Innere Begleitung heißt, bei sich zu bleiben. Sich selbst zuzuwenden und Halt zu geben.
Es reich oft ein ganz einfacher innerer Satz wie:
„Ich bin da. Ich übernehme.“
Damit kommt der erwachsene Anteil in uns dazu.
Dieser Satz wirkt, weil er eine Haltung ausdrückt.
Der alte Anteil erlebt Begleitung. Und genau dadurch verändert sich etwas. Im Körper entsteht mehr Ruhe. Die Reaktion verliert an Schärfe. Handlungsspielraum kommt zurück.
Worum es im Kern geht
Sich mit dem inneren Kind zu beschäftigen bedeutet, das eigene Erleben im Heute besser zu verstehen. Die eigenen Reaktionen einordnen zu können. Freundlicher mit sich zu werden. Und ein Stück mehr Wahlfreiheit zu spüren – mitten im Alltag.




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