Wenn Gespräche nichts bringen – wie du bei dir bleibst
- Ulli G.
- 4. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Ich möchte noch einmal auf etwas eingehen, weil ich glaube, dass darin für viele Menschen ein Grundthema liegt.
Wenn wir im Außen etwas lösen wollen, das dort nicht lösbar ist
Vieles, woran wir leiden, hat damit zu tun, dass wir andere nicht steuern können. Nicht ihr Denken. Nicht ihr Fühlen. Nicht ihr Verhalten. Wir wünschen uns Klärung, Aufrichtigkeit und ein echtes Gespräch. Wir möchten gesehen werden, uns verstanden fühlen, wirklich gemeint sein und nicht mit halben Wahrheiten, Ausweichen oder Spielchen zurückgelassen werden.
Denn genau das macht uns oft so hilflos.
Weil wir uns nicht nur ein Gespräch wünschen, sondern echte Begegnung. Wir hoffen, dass der andere offen ist, ehrlich ist und wirklich mit uns in Kontakt geht. Und wir spüren, wie weh es tut, wenn genau das nicht passiert.
Wenn wir merken, dass wir nichts in der Hand haben
Der eigentliche Schmerz liegt oft in dem Moment, in dem wir erkennen: Ich kann offen sein, ich kann ehrlich sein, ich kann sagen, was ich fühle und brauche. Aber ich kann den anderen nicht dazu bringen, mir auf dieselbe Weise zu begegnen.
Ich kann kein echtes Gespräch herbeiführen, wenn der andere das nicht will. Ich kann keine Offenheit hervorzaubern und keine Verbindung schaffen, wenn auf der anderen Seite nicht die Bereitschaft dazu da ist.
Irgendwann bleibt nur, den anderen so zu sehen, wie er ist.
Was uns frei macht

Frei macht uns unsere eigene Ehrlichkeit - zu aller erst zu uns selbst. Authentisch zu sein. Die eigene Wahrheit zu kennen und auszusprechen - wenn auch nur für uns. Keine Spielchen mehr mitzuspielen. Uns nicht kleiner zu machen, nicht ständig anzupassen und nicht so zu tun, als wäre etwas in Ordnung, das sich längst falsch anfühlt.
Denn etwas, das nur funktioniert, solange wir uns verbiegen, ist keine echte Verbindung. Wenn Nähe davon abhängt, dass einer schluckt, schweigt oder sich selbst verlässt, ist es vieles - aber keine wirkliche Nähe.
Dann bleibt vielleicht etwas bestehen, aber nichts, das sich wirklich ehrlich ist.
Zurück zu uns selbst
Indem wir aufhören, gegen diese Wahrheit zu kämpfen, und uns stattdessen unserem eigenen Schmerz zuwenden, finden wir zu uns selbst zurück - und damit auch zu unserem Einflussbereich. Nicht in dem, was der andere tut.
Sondern darin, wie wir auf ein schmerzhaftes Verhalten reagieren und welche Entscheidungen wir daraus für uns ableiten.
Oft ist das auch der Moment, in dem ein verletzter Teil in uns spürbar wird. Der Teil, der gesehen werden wollte. Der sich Nähe erhofft hat. Der gehofft hat, dass es diesmal anders ausgeht.
Dann kann es helfen, kurz stehenzubleiben und sich selbst zuzuwenden.
Vielleicht mit einer Hand auf dem Herzen. Vielleicht mit ein paar ehrlichen Sätzen nach innen:
"Das hat mich gerade verletzt. Ich hätte mir wirklich etwas anderes erhofft.
Es macht mich traurig, dass das gerade nicht die Nähe ist, die ich mir gewünscht hätte.
Wir gehen dann nicht sofort wieder ins Analysieren. Wir greifen den anderen nicht an. Wir nehmen wahr, was in uns ausgelöst wurde, und kümmern uns zu allererst um uns selbst.
Denn nur hier haben wir Handlungsspielraum.
Hier liegt unsere Wahl
Wenn wir wieder bei uns sind, entsteht Raum. Dann können wir bewusster wahrnehmen, was etwas in uns auslöst, was wir brauchen und wie wir reagieren wollen.
Von hier aus können wir wählen. Was wir antworten. Ob wir etwas ansprechen. Ob wir auf Distanz gehen. Ob wir eine Grenze setzen. Ob wir bleiben. Ob wir gehen. Ob wir ein Spiel weiter mitspielen oder aussteigen.
Das ist unser Spielfeld. Hier liegt unsere bewusste Wahl.
Es geht darum, wie wir uns selbst halten und wie wir von dort aus handeln.
Wenn wir sehen, was ist
Das Verhalten eines Menschen zeigt oft sehr klar, was möglich ist und was nicht.
Das kann weh tun. Weil es manchmal Abschied bedeutet. Abschied von einer Hoffnung. Abschied von einer Vorstellung. Abschied von dem Wunsch, dass jemand vielleicht doch noch der Mensch wird, den wir gerade brauchen würden.
Gleichzeitig liegt genau darin Freiheit. Denn in dem Moment, in dem wir wirklich sehen, wie ein Mensch ist, werden wir unabhängiger. Wir können wahrnehmen, was ist, und von dort aus entscheiden, wie wir damit umgehen.
Vielleicht merke ich:
Du meldest dich eigentlich nie bei mir.
Dann kann ich für mich erkennen, dass ich aufhöre, weiter in diese Beziehung zu investieren.
Oder ich nehme wahr:
Jedes Mal, wenn ich bei dir war, fühle ich mich kleiner, verunsichert oder niedergemacht.
Dann kann ich entscheiden, den Kontakt zu reduzieren. Ich merke einfach, dass es mir so nicht gut tut, also ändere ich etwas daran. Ich nehme mich damit ernst.
Ich kann mich dafür entscheiden, mich dem nicht weiter auszusetzen.
Ich kann stattdessen ein Buch lesen, einen Film anschauen, eine andere Freundin anrufen, einen Kurs buchen, in die Stadt fahren, ans Meer, in den Wald, Sport zu machen oder meine Energie dorthin geben, wo sie mir gut tut - ich hab tausend andere Möglichkeiten.
Und genau das macht frei. Mein Wert hängt nicht davon ab, wie andere sich verhalten.
Auch wenn mich etwas verletzt, verliere ich mich darin nicht.
Ich finde einen Weg für mich und gestalte mein Leben von dort aus weiter.
Erwachsen sein heißt, nicht den anderen festzuhalten, sondern sich selbst.




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