💫 Der Tod ist nur ein Horizont
- Ulli G.
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Und ein Horizont ist nur die Grenze unserer Wahrnehmung
...ein Gedanke über das Leben nach dem Tod
Ich möchte euch heute eine Geschichte erzählen. Eine wahre Geschichte. Sie ist es, die mich seit vielen Jahren begleitet und die mir eine innere Sicherheit und Zuversicht schenkt, die ich vor diesem Erleben nicht hatte. Vor kurzem habe ich auf Instagram einen Satz verwendet, den ich irgendwo mal gelesen hatte und der mir in einem traurigen Moment wieder eingefallen ist – und mit ihm tauchte wieder die eine Frage auf, die mich und wahrscheinlich jeden Menschen immer wieder mal beschäftigt:
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
„Der Tod ist wie ein Horizont. Und ein Horizont ist kein Ende, sondern nur die Grenze unserer Wahrnehmung.“
Vielleicht hat mich dieser Satz deshalb wieder gefunden, weil er mich an etwas erinnert, das ich selbst erlebt habe. Eine Nacht, die ich niemals vergessen werde. Wir beide nicht - den zum Glück waren wir in diesem Moment zu zweit - wäre ich alleine gewesen - hätte ich mir im Nachhinein bestimmt irgendwie ausgeredet was ich erlebt hatte. So wissen wir, was wir gesehen haben - und verlieren unsere Gänsehaut bis heute nicht, wenn wir darüber sprechen.
Vor etwa zehn Jahren also, hatte ich einen Nachtdienst auf der onkologischen Abteilung, auf der ich damals gearbeitet habe. Franky, mein Kollege, war auch da. Es war eine ruhige Nacht – nichts Besonderes, kaum Bewegung - so wie es manchmal ist, wenn alle schlafen und die Station für einen Moment zur Ruhe kommt.

In Zimmer 11 lag eine ältere Frau, sie war vielleicht um die achtzig. Ich weiß ihren Namen leider nicht mehr, aber nennen wir sie hier einfach Anna.
Anna war eine sehr wache, freundliche und völlig orientierte Frau. Sie war jemand, bei dem man sich sofort wohl fühlt, weil sie eine unglaublich warme, einnehmende Art hatte - jemand bei dem man automatisch langsamer spricht und irgendwie innerlich ruhiger wird. Anna hatte eine Krebsdiagnose mit Metastasen und war für eine Bestrahlungstherapie bei uns. Trotz dieser Erkrankung gab es aber keinerlei Anzeichen dafür, dass sie akut im Sterben läge. Sie war körperlich selbstständig, geistig völlig orientiert. Und sie war nur hier um bestrahlt zu werden und anschließend wieder nach Hause zu gehen.
Wenn man so viele Jahre auf einer Onkologie arbeitet, entwickelt man irgendwann ein feines Gefühl dafür, ob jemand vielleicht „heute“ gehen könnte oder ob es erst in den nächsten Tagen gefühlt so weit sein könnte. Dieses Gefühl ist natürlich niemals eine Wahrheit – aber es entsteht mit der Zeit.
Und bei Anna war davon überhaupt nichts zu spüren.
Wir wussten nur von ihr, dass ihr Mann ein paar Wochen zuvor verstorben war.
Gegen 00:30 nachts läutete sie. Bewusst - sie holte uns zu sich.
Franky, mein Kollege, ging zu Anna, um nachzusehen was sie brauchte. Und weil die Nacht so still war und ich Anna auch so gerne mochte, ging ich nach. Ich weiß nicht warum ich das tat - ich wusste Franky brauchte meine Hilfe nicht - aber ich ging ebenfalls ins Zimmer.
Als ich zu den beiden kam, war Anna vollkommen wach und klar. Sie sah uns beide an und sagte nur ganz ruhig:
„Mein Mann ist hier. Er steht hier vor meinem Bett. Und ich möchte euch sagen, dass ich jetzt mit ihm mitgehe.“
Für einen kurzen Moment blieb uns das Herz stehen - denn es war doch etwas unheimlich. Franky und ich sahen uns nur an und suchten Still nach einer Erklärung. Vielleicht hat sie eine Erinnerung, vielleicht ein kurzer innerer Ausflug, vielleicht war sie doch verwirrter als uns beiden bewusst war?
Aber so war es nicht - da war eine Sicherheit in ihrem Blick, eine völlige Wachheit, die wir beide nicht wegdeuten konnten.
Und so standen wir neben ihrem Bett - Franky an ihrer rechten Seite, ich links. Anna griff nach unseren Händen. Und dann sah sie Franky ins Gesicht und lächelte, drehte den Kopf anschließend zu mir, blickte mir tief, ruhig und völlig zufrieden in die Augen und lachte auch mich an – warm und bewusst, wie jemand, der genau weiß, was er tut.
Und im nächsten Augenblick, in der nächsten Sekunde, verließ sie ihren Körper.
Ganz ruhig. Ganz entschieden. Ohne Kampf, ohne Atemnot, ohne jede medizinische Vorwarnung.
Sie ging einfach.
Sie ging einfach.
Sie ging einfach.
Völlig Bewusst.
Und sie läutete uns extra.
Holte uns dazu um uns daran teilhaben zu lassen.
Franky und ich standen da, überwältigt von dem, was wir gerade erlebt hatten. Wäre einer von uns allein gewesen, hätten wir es vielleicht im Nachhinein relativiert. Aber wir waren zu zweit. Und wir haben beide gesehen, was in diesem Moment geschah. Es war kein Sterben wie ich es schon viele Male vorher miterlebt hatte, kein Kampf, keine Angst, kein wann schläft sie ein. Es war eine völlig bewusste Ankündigung, die sie unmittelbar umsetzte. Manche fragen sich vielleicht, warum habt ihr sie nicht reanimiert - das taten wir nicht, weil sie aufgrund von Alter und Diagnose eine DNR-Anweisung hatte.
Anna hat uns in dieser Nacht ein stilles Geschenk gemacht. Eines, das in mir nachklingt bis heute.
Und am Ende dieser Geschichte bleibt für mich immer wieder derselbe Gedanke:
Vielleicht ist der Horizont, von dem wir sprechen, keine Grenze für die, die gehen. Vielleicht ist er nur für jene eine Grenze, die bleiben – weil unser Blick nicht weiterreicht als bis dorthin.
Und vielleicht liegt genau darin der Trost:
Dass nichts wirklich endet, dass niemand verschwindet, sondern dass manche Wege einfach dort weitergehen, wo wir sie nicht mehr sehen können.
Und vielleicht bleiben wir, trotz allem, auf eine Weise verbunden – leise, energetisch, jenseits dessen, was wir erklären können.
Bis wir selbst diesen Horizont überqueren.
Und dann, so glaube ich, werden wir verstehen.
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