Endlich Ruhe. Nur der Körper macht noch nicht mit
- Ulli G.
- 11. Juni
- 3 Min. Lesezeit
Der Moment nach dem Funktionieren
Alle haben gesagt: Jetzt darfst du durchatmen.
Mein Körper hat es nicht sofort geglaubt.
Die schwere Zeit war vorbei. Ein Kind war nach Wochen wieder gesund, die Diagnose überstanden, der Alltag wieder ruhiger. Das andere schlief plötzlich durch. Von außen sah es so aus, als wäre das Schlimmste geschafft. Innen lief noch der alte Modus weiter.
Wenn es ruhig wird
Am deutlichsten merke ich das, wenn ich verreise. Drei Tage Seminar in Wien, ein Hotelzimmer, halb drei in der Nacht. Niemand, der hereinkommt. Niemand, der Wasser braucht. Niemand, der plötzlich neben dem Bett steht und „Mama“ sagt.
Die Tür ist zu, das Bett ist groß, es gibt nichts zu tun.
Und trotzdem schlafe ich nicht tief.
Ich fühle mich nicht unwohl, ich habe keine Angst. Eher lauscht ein Teil von mir weiter. Als müsste ich hören, ob irgendwo ein Kind weint. Als dürfte ich nicht ganz weg sein.
Dabei bin ich weg.
Es ist ruhig.
Und genau das ist ungewohnt.

Der Körper kennt kein Datum
Lange dachte ich, diese innere Bereitschaft sei einfach Überforderung. Stress, Schlafmangel, Muttersein, das Übliche. In dieser stillen Nacht habe ich verstanden, dass der Körper nicht sofort umschaltet, nur weil sich außen etwas verändert hat.
Er bleibt eine Weile in dem Leben, das gerade noch war.
Das kennen wahrscheinlich mehr Menschen, als darüber sprechen. Der freie Abend, an dem man trotzdem alle zehn Minuten zum Handy greift. Der erste Urlaubstag, an dem man innerlich noch Mails beantwortet. Die Genesung, in der der Körper vorsichtig bleibt, obwohl die Befunde längst gut sind. Das Leben hat sich verändert, und ein Teil von uns lebt noch in der Version davor.
Wir denken, eine Erleichterung müsste sofort ankommen, weil sie ja eingetreten ist.
Aber der Körper richtet sich nicht nach dem Datum. Er trägt weiter, worauf er lange eingestellt war. Wer lange wachsam sein musste, dem wird Wachsamkeit irgendwann vertraut. Man merkt sie kaum noch, solange der Alltag laut genug ist.
Erst in der Ruhe zeigt sich, dass innen noch keine ist.
Wenn das Ersehnte sich fremd anfühlt
Und vielleicht ist genau das so irritierend: Wenn das, wonach man sich gesehnt hat, plötzlich da ist, fühlt es sich nicht sofort leicht an. Es fühlt sich fremd an.
Die ruhige Nacht.
Der freie Vormittag.
Die Unterstützung.
Das größere Kind, das einen weniger braucht.
Der Alltag, der wieder normal werden sollte.
Man steht schon in einer neuen Phase, aber innen hält noch etwas an der alten fest.
Was darunter liegt
Und jetzt kommt der Teil, den ich weniger gern zugebe.
Ein Stück von mir will diese Bereitschaft gar nicht sofort ablegen. Denn sie war nicht nur anstrengend. Sie war auch vertraut. Sie hat meinem Tag Richtung gegeben. Sie hat mir gezeigt, wo ich gebraucht werde. Sie hat mir eine Aufgabe gegeben, oft bevor ich überhaupt fragen konnte, was ich selbst brauche.
Das Gebrauchtwerden war lange ein Teil meiner Identität.
Loslassen heißt also nicht nur, endlich zu ruhen. Es heißt auch, eine alte Form von Sicherheit herzugeben.
Vielleicht braucht der Körper genau deshalb länger. Er muss nicht nur lernen, dass nichts passiert. Er muss auch glauben, dass er ohne diese Daueraufgabe noch Halt hat.
Ich liege also in diesem Zimmer.
Es ist ruhig.
Niemand braucht mich.
Und ein Teil von mir lauscht trotzdem.
Früher hätte ich mich darüber geärgert. Ich hätte gedacht: Jetzt hast du schon einmal die Stille, die du dir immer wünschst, warum kannst du sie nicht nutzen?
Aber ich bin heute milder mit mir. Ich weiß: Mein Körper braucht einen Moment.
Er hat lange gut aufgepasst.
Er darf Zeit brauchen, um zu verstehen, dass diese Nacht anders ist.
Dass niemand kommt.
Dass niemand überhört wird.
Dass ich einfach schlafen darf.




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